Anschließend erzählte Dieter Gollnick von seinem Leben – und jener verhängnisvollen Entscheidung, die sein Leben für immer veränderte. Als der 1956 in Ost-Berlin geborene Lagerbereichsleiter einen Ausreiseantrag für sich und seine Familie stellte, erhielt er ein Berufsverbot. Nach dem Versuch, seinen Ausreisewunsch im Jahr 1986 durch Vorlage des Personalausweises am Checkpoint Charlie zu bekräftigen, erging Haftbefehl gegen Gollnick – der Vorwurf: „versuchte Republikflucht“. Ab diesem Zeitpunkt bekam er die volle Härte des SED-Regimes zu spüren.
Gift im Goldbroiler
Die Erlebnisse im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen wühlen ihn immer noch so sehr auf, dass er die entsprechenden Passagen aus seinem Buch “Mein Weg in die Freiheit“ lieber jemanden vorlesen lässt. Nachdem der erfolgreiche Judoka einem Wärter bei einem Verhör gedroht hatte, bekam er Wochen später eine besondere, deutlich bessere Mahlzeit serviert: einen „Goldbroiler“ – so hieß im Osten ein Grillhähnchen. Doch schnell merkte Gollnick, dass etwas nicht stimmte, massive Schmerzen, Herzrhythmusstörungen und Panikattacken quälten ihn, bis man ihm schließlich eine Tablette gab und die Schmerzen sofort weg waren. Später fand er heraus, dass man ihn mit einem Medikamentencocktail vergiftet hatte. Ein anderes Mal wurde er ohne erkennbaren Grund zum Zahnarzt gebracht. Nachdem eine Weile herumgebohrt worden war, teilte man ihm mit, dass es sich um eine Verwechslung handelte. Für den Häftling Nr. 775 war klar, dass die Stasi von irgendwem erfahren haben musste, dass er große Angst vor Zahnarztbesuchen hatte…
Nach einer Odyssee durch den DDR-Strafvollzug wurde der „politische Häftling“ Dieter Gollnick 1987 aus der Haft entlassen und durfte plötzlich ausreisen. Innerhalb von 24 Stunden musste er daraufhin die DDR verlassen – wahrscheinlich, weil er von der BRD freigekauft worden war. Im Westen hat er nach eigenen Angaben zuerst einmal laut „Hurra!“ geschrien und ist schließlich in Bayern gelandet.
„Es liegt an Euch“
Zum Schluss nahm sich Gollnick Zeit für die Fragen der Schülerinnen und Schüler. Ob er denn heute wieder zum Checkpoint Charlie gehen würde und seinen Ausweis vorlegen würde? „Ja, auf jeden Fall.“ Auf die Frage, ob Deutschland wieder in eine Diktatur abrutschen könne, meinte er nachdenklich: „Ich glaube schon – es liegt an euch!“
Die sichtlich bewegten Schülerinnen und Schüler bedankten sich mit einem langanhaltenden Applaus. Lehrerin Anja Claus, die die Vorträge gemeinsam mit Kollegin Madeleine Berberich organisiert hatte, überreichte Dieter Gollnick und seiner Frau im Namen der Fachschaft Geschichte ein kleines Dankeschön.