In der Erdinger Version wird ihre Geschichte neu gedacht: Ophelia ist nicht nur Opfer der Ereignisse, sondern eine Figur auf der Suche nach einer eigenen Stimme und Identität. Die Inszenierung verbindet Textfragmente aus William Shakespeares Hamlet, Heiner Müllers Hamletmaschine und Hans Christian Andersens Die kleine Meerjungfrau. Aus diesen unterschiedlichen literarischen Quellen entstand eine collageartige Theaterform, in der Motive wie Liebe, Macht, Verlust, Schweigen und Selbstbestimmung miteinander verschmelzen. Ophelia Rising erzählt von einer Figur zwischen Anpassung und Aufbruch – zwischen Untergehen und Aufstehen. Ein poetisches, experimentelles Theaterprojekt über Stimme, Widerstand und die Frage, wer Ophelia heute sein kann.
Buh-Rufe aus dem Publikum
Heute müsste Ophelia sich vielleicht in einer Casting-Show („Ophelia’s Got Talent“) beweisen und den erniedrigenden Kommentaren der Moderatoren (herrlich schräg: Maria Osterloher und Diana Kadas) aussetzen. Dabei sind die es, die in ihrer Boshaftigkeit austauschbar und beliebig wirken, sprechen sie doch abwechselnd mal Englisch, mal Deutsch. Die Moderatoren stiften sogar das Publikum dazu an, die vortragende Ophelia auszubuhen. Das Publikum folgt der Anweisung – und tappt in die Falle.
Bei Shakespeare sind es die Machenschaften der Männer in ihrem Leben – der Vater und der Geliebte –, die Ophelias Untergang einläuten. Auch in der Erdinger Version kommen die Männer (gekonnt unsympathisch: Simon Kaiser und Jonas Wählisch) nicht gut weg: Sie beschimpfen sie ausdauernd („Schämst du dich nicht?“) und spiegeln damit die rhetorische Verrohung der Gesellschaft wider.
Doch – und das ist die Botschaft des Stücks – Ophelia lässt sich nicht zum Opfer machen. Sie sprengt die Ketten, beziehungsweise das Absperrband, und entscheidet ihr Schicksal selbst: „Ich will eine Maschine sein, voll von Widerstand!“ Am Ende steigt sie zwar ins Planschbecken, aber statt zu ertrinken, wird sie wiedergeboren (eindringlich dargestellt von Sarah Ludwig). Damit befreit sie nicht nur sich selbst, sondern alle Frauen – und sogar die Männer –, die nun wieder auf dem Catwalk laufen, aber dieses Mal lachend und mit ihren Namensschildern. Sie haben ihre Stimme wiedergefunden.
Nachdem der langanhaltende Applaus langsam abgeebbt war, bedankte sich zunächst Ines Grosch bei Hausmeister Martin Hailer (Auf- und Abbau der Bühne), Melanie Metzger (Gestaltung der Flyer), der SMV für die Bewirtung und v.a. bei Kollege Andreas Steigerwald, der mit seinem umfangreichen Equipment für Licht- und Soundeffekte sorgte. Im Anschluss wandten sich die Darstellerinnen und Darsteller an ihre Kursleiterin und bedankten sich für diese gewinnbringende Erfahrung. Auch Schulleiter Jens Baumgärtel bedankte sich beim gesamten Team und überreichte Ines Grosch einen Blumenstrauß: „Wir sind alle sehr stolz auf euch, dass ihr den Mut hattet, diese Aufführung mit so viel Herzblut auf die Beine zu stellen – und das mitten in der Abiturvorbereitung!“