Das Konzept der Gesamtschule, welches im Zuge einer Schulreform in den 1970er Jahren eingeführt wurde, spiegelt laut Herrn Wahlström bereits den hohen Stellenwert wider, welchen Bildung in Finnland aufweist. So sollen alle Kinder dieselben Bildungschancen erhalten und ohne Diskriminierung ihren schulischen und später auch beruflichen Weg einschlagen. Um eine Gleichbehandlung zu gewährleisten, erhalten etwa alle Schüler in Finnland kostenloses Mittagessen in der Schule sowie eine Erstausstattung an Material wie Stifte oder Hefte. Darüber hinaus befinden sich vor allem in den ersten Jahren der Gesamtschule pro Klasse mindestens zwei Lehrer im Klassenzimmer, welche die Schüler unterrichten und ggf. individuell oder in Kleingruppen fördern. Dies hat zur Folge, dass meist alle Schüler das Klassenziel erreichen und es nur selten zu Wiederholungen kommt.
Auch dem Lehrerberuf wird eine hohe Bedeutung beigemessen, was sich laut Herrn Wahlström in der Qualität der Lehrerausbildung sowie in der Bezahlung deutlich macht.

Als Ziel unseres Aufenthalts hatten wir uns gesetzt, neue Unterrichtsmethoden und
-konzepte kennenzulernen sowie speziell den Fremdsprachenunterricht zu analysieren, um die dortige Verwendung von Multimedia sowie die Vermittlung interkultureller Kompetenz zu erleben und gewonnene Erkenntnisse auch in unserem eigenen Unterricht zu implementieren.

Dabei hospitierten wir vorrangig in den Fächern Englisch, Spanisch und Deutsch, besuchten jedoch auch einzelne Stunden in Finnisch, Biologie sowie Sozialkunde, um einen umfassenden Einblick in die finnische Unterrichtsphilosophie zu erlangen.
Diese setzt laut Herrn Wahlström, dem Direktor des Gymnasiums, mit dem wir sehr interessante und intensive Gespräche führen durften, ihren Fokus auf langfristiges Lernen, welches nur erreicht werden könne, indem der Schüler selbstständig und aktiv arbeitet. Um die Qualität der Lehre zu verbessern, sei es wichtig, die Anzahl der Lerninhalte zu verringern und stets individuelle Schüleraktivität einzufordern. Daher sei es bei der Erarbeitung neuer Inhalte auch nötig, diese in Einzel- statt in Gruppenarbeit zu gestalten und dabei stets Möglichkeiten der Binnendifferenzierung anzubieten. Nur so sei der individuelle Lernfortschritt gewährleistet.
Der hohe Stellenwert der Eigenverantwortlichkeit und Selbstständigkeit der Schüler zeigte sich auch deutlich im finnischen Unterrichtsalltag: In den in der Regel sehr kleinen Kursen (im Fremdsprachenunterricht ca. 10-15 Schüler) arbeiten die Schüler meist am eigenen Laptop, bearbeiten Aufgaben unterschiedlicher Niveaustufen und kontrollieren ihre Ergebnisse häufig selbst mit Hilfe von bereitgestellten Lösungsschlüsseln. Sowohl der Umgang zwischen Lehrern und Schülern als auch das gesamte Schulsystem basieren dabei auf Vertrauen und positiven Regeln, was laut Herrn Wahlström positiv zur Lernatmosphäre beiträgt.

Beim Lernerfolg spielt auch der Einsatz digitaler Medien eine große Rolle. Die Tatsache, dass das Abitur in Finnland mittlerweile vollständig digitalisiert ist, d.h. am PC geschrieben wird, erklärt auch das fast komplett „papierfreie“ Arbeiten in der Oberstufe. Neben dem Einsatz einiger weniger Kursbücher werden Inhalte von den Lehrkräften in einem virtuellen Klassenzimmer in Google Classroom den Schülern zur Verfügung gestellt. Diese können hier wiederum Aufgaben bearbeiten, Hausaufgaben einreichen, deren Korrekturen einsehen, und so mit der Lehrkraft kommunizieren. Der Lehrkraft stehen als Medien im Unterricht PC, Beamer, Visualiser und Whiteboard zur Verfügung. Auf interaktive Whiteboards wurde jedoch bewusst verzichtet, da diese laut Herrn Wahlström die Eigenaktivität der Schüler nicht fördere. Die Handynutzung im Unterricht wird den Schülern grundsätzlich nicht verboten; vielmehr wird an die Vernunft der Lernenden appelliert, ihre Mobilgeräte für unterrichtlich sinnvolle Zwecke einzusetzen.

Aufgrund der sehr hohen Lerneraktivität und Eigenverantwortlichkeit der Schüler erinnerte der Unterricht am Gymnasium daher häufig an einen in Deutschland universitären Lehrstil.

Diese Aspekte, sowie der in der Gesellschaft fest verankerte hohe Stellenwert von Bildung, machen wohl einen Teil des Erfolgsrezepts der finnischen Schule aus und haben uns doch einige Impulse für unsere unterrichtliche Arbeit gegeben. Darüber hinaus wurde es uns ermöglicht, neue berufliche Kontakte aufzubauen und potenzielle Partner für zukünftige Erasmus+-Projekte zu finden.
So können sowohl wir persönlich als auch unsere Schule von diesem Aufenthalt in vielfacher Hinsicht profitieren.